Vipassana – Die Kunst zu Leben

Die Spiritualität gehört für mich in Indien genauso dazu wie Schokolade zur Schweiz. Bei meinem letzten Besuch in Indien im 2017 habe ich zwei Vipassana Meditationskurse nach S.N.Goenka gemacht. In diesem Post möchte ich euch einerseits näher bringen was Vipassana ist und euch andererseits an meinen Erfahrungen teilhaben lassen.

Was ist Vipassana?
Wie der Titel sagt, ist es die Kunst zu Leben und bedeutet die Realität zu sehen wie sie ist. Es ist nicht nur ein 10tägiger Kurs, sondern eine Lebensweise die zum Ziel hat, uns vom Leiden zu befreien. Siddharta Gautama, besser bekannt als Buddha, entdeckte vor 2‘500 Jahren diese Technik. Nachdem er die Erleuchtung erfahren hatte, sah er das Leiden der Menschheit und suchte nach einer einfachen, für alle verständlichen und praktizierbaren Lösung. Durch Selbstbeobachtung und Achtsamkeit erkennt man das Zusammenspiel von Körper und Geist und hat so die Möglichkeit, das Unreine zu entfernen.

Wie kam ich dazu?
Auch wenn ich nicht das erste Mal von Vipassana gehört hatte, war es dieses Mal in Thailand im Februar 2017 anders. Als der durchgeknallte, besoffene Engländer grossspurig von seinen Erfahrungen erzählte, ist in mir was passiert. Ich wollte meditieren gehen, etwas für mich tun und eine neue Herausforderung meistern.

Ich habe mir verschiedene Techniken und Schulen angeschaut und mich dann, ohne viel Vorahnung, in Rajkot, Gujrat, Indien im Dhamma Kota angemeldet. Alles lief sehr überstürzt ab und ich war unglaublich nervös.

Erfahrungsbericht
Am Vortag komme ich am Nachmittag im Zentrum an und gebe nach der Anmeldung alle Wertgegenstände, Computer, Handys, Kameras, Schreibzeug – alles was Spass macht und ablenken könnte – ab. Zum wiederholten Mal lese ich die Richtlinien durch, die ich gerade unterschrieben habe mit den Regeln:

  1. kein lebendes Wesen zu töten;
  2. nicht zu stehlen;
  3. sich jeglicher sexueller Aktivitäten zu enthalten;
  4. nicht zu lügen;
  5. keine Rauschmittel irgendwelcher Art (einschließlich Tabak und Alkohol) zu sich zu nehmen.

Von alten Kursteilnehmer/innen (das heißt solchen, die schon einmal einen Kurs mit S.N. Goenka oder seinen Assistenzlehrern abgeschlossen haben) wird erwartet, dass sie drei zusätzliche Regeln beachten:

  1. keine Nahrung nach 12 Uhr mittags zu sich zu nehmen;
  2. auf sinnliche Vergnügungen und Körperschmückungen zu verzichten;
  3. nicht in übertrieben weichen oder luxuriösen Betten zu schlafen.

Von den 120 Teilnehmern sind etwa 40% Frauen und kaum Ausländer. Das heisst drei, inklusive mir. Ich suche vergeblich mein Zimmer. Eine ältere indische Frau hilft mir zu suchen, doch auch zusammen finden wir nichts. Bei knapp 40°C fliesse ich zurück an die Anmeldestelle. „Oh sorry Misses, it is our fault.“ Mein Zimmer gibt es nicht. Mit neuer Zimmernummer komme ich erschöpft in meinem äusserst grossen Zimmer mit drei Betten an. In der Hoffnung keine schnarchenden Zimmernachbarn zu bekommen, ziehe ich los. Weit komme ich nicht, da das Areal abgesperrt ist. Auf dem Vorplatz mischen sich das letzte Mal Männlein und Weiblein und alle versuchen, die letzten dringenden Worte los zu werden. Nach einem kleinen Abendessen, dem letzten bis auf weiteres und der Einführung beginnt die Stille mit der ersten Meditation. Danach huschen alle auf leisen Sohlen in ihre Zimmer und bereiten sich innerlich auf die kommenden Tage vor.

Der erste Tag beginnt, so wie jeder folgende Tag, um 4 Uhr mit dem Glockenläuten der Helfer. Mühsam aber auch aufgedreht verlasse ich das Bett. Letzte Nacht wurde ich von Mücken zerfressen.

Tagesablauf
4.30 – 6.30 Uhr eigenständige Meditation
6.30 Uhr Frühstück und Pause
8.00 – 9.00 Uhr Gruppenmeditation 1
nach kurzer Pause und Instruktion geht es weiter bis 11.00 Uhr
11.00 -13.00 Uhr Mittagessen und Pause
(um 12.00 Uhr können die Lehrer aufgesucht werden)
13.00- 14.15 Uhr eigenständige Meditation
14.30 – 15.30 Uhr Gruppenmeditation 2
nach kurzer Pause und Instruktion geht es weiter bis 17.00 Uhr
17.00- 18.00 Uhr Snack und Tee für Anfänger
(NUR Limesoda für die alten Kursteilnehmer)
18.00 – 19.00 Uhr Gruppenmeditation 3
19.15 – ca. 20.30 Uhr Dhamma Talk – Video mit Erklärungen von S. N. Goenka
20.30 – 21.00 Uhr letzte gemeinsame Meditation
(anschliessend besteht nochmals die Möglichkeit die Lehrer aufzusuchen)
21.30 Bettruhe

Mit viel Motivation gehe ich auf mein Meditationskissen zu und setze mich. Die ersten drei Tage verbringe ich mit der Anapana Meditation, welche zum Ziel hat meine Sinne zu schärfen. Ich konzentriere mich auf meine Atmung und beobachte, wie ich einatme und ausatme, ob die Luft durch das linke oder doch rechte Nasenloch strömt und ob ich nicht doch schon wieder meinen Gedanken nachhangen bin. Uuups… Das war eigentlich nicht die Idee. Zurück zur Atmung. Das schwierige dabei ist, dass ich nichts kontrollieren soll, sondern nur den natürlichen Fluss des Geschehens beobachten. Während den ersten Tagen werden einige zu richtigen Kissenturmpraktikern, da einem nicht nur der Arsch sondern der ganze Körper schmerzt. Das Bett ist erstaunlich bequem, das Meditationskissen nach über 10 Stunden am Tag aber nicht mehr. Langsam kann ich über das Furzen und Rülpsen der anderen hinweg sehen, ist eben eine andere Kultur, aber mein Rücken bringt mich um. Am dritten Tag überwinde ich mich, zum Lehrer zugehen und nach einer Rückenlehne zu fragen. Seine Antwort ist nein, morgen würde ich eine Praktik lernen, die mir helfen soll den Schmerz zu überwinden. F***. Ich versuche zu vertrauen und mich am Guten fest zu halten. Das Essen hier ist echt gut. Zumindest die zwei Mahlzeiten, die ich bekomme.

Tag 4 bricht an und nach weiterer Anapana Meditation leisten wir unseren zweiten Schwur, damit wir auch die Vipassana Meditation erlernen können. Nun müssen wir unbeweglich fast zwei Stunden ausharren. Diese Stunden sind wie ein Rausch. Mein Kopf ist dankbar, dass wir etwas Neues machen und nicht mehr nur die Atmung beobachten müssen, doch zeitweise spüre ich meinen Körper vor lauter Schmerzen kaum noch. Doch der Lehrer hatte auch Recht und für kurze Momente ist der Schmerz kein Schmerz mehr, sondern etwas Objektives. Irgendwann ist die Tortur zu Ende. Mit viel Überwindung erhebe ich mich so gut es geht und hinke zur Tür. Es braucht einige Zeit bis ich wieder Gefühl in meinen Beinen habe und ich frage mich nicht zum ersten Mal, warum ich mir das antue. Auf jeden Fall weis ich nun, was die Vipassana Meditation ist. Die weiteren Stunden schwitze ich vor mich hin und versuche meine Aufmerksamkeit auf die Meditation zu richten und nicht abzudriften. Mehrere Male schlafe ich fast ein. Die drückende Hitze im Raum wird auch nicht durch einen Ventilator durchbrochen, da dies unsere Wahrnehmung verfälschen könnte. Jeden Tag freue ich mich mehr auf den Dhamma Talk um viertel nach 7. Zur Abwechslung etwas mit offenen Augen und vor allem ist es Goenka. Dieser Mann, wenn auch schon tot und nur per Video zu betrachten, verströmt das Gefühl von Liebe, Zugehörigkeit und hat erstaunlicherweise immer die richtigen Worte. Tausende Studenten vor uns haben diesen Kurs schon gemacht und seine Erfahrungswerte machen ihn zum Lichtblick eines jeden Tages.

Die Tage bleiben heiss, das Essen gut und der Schlaf weniger. Eigentlich wird auch das Verlangen nach Essen weniger. Es ist eine aufreibende Zeit in der viele alte Erlebnisse und Gefühle hoch kommen und neue Synapsen im Hirn entstehen. Wir sind auf dem Weg zur Reinheit und dem Ende des Leidens. Nicht, dass man das einfach so in 10 Tagen erreichen würde, aber wir lernen gewisse Abläufe zu betrachten und umzuprogrammieren. Tag 6 fühlt sich wie ein Rückschlag an. Ich hatte gute Fortschritte gemacht, war konzentrierter und habe eine eigene Meditationszelle bekommen, aber in der Nacht zuvor wurde ich von Träumen gequält und fühle mich rastlos. Ich weine viel und der Lehrer bittet mich um 12.00 Uhr vorbei zu kommen. Normalerweise sind die Geschlechter getrennt, aber die weibliche Lehrerin spricht kein Englisch. Ich bin sehr glücklich über diese Fügung da er sehr klar, wohlwollend und inspirierend ist. In den weiteren Tagen bauen wir eine Vertrauensbasis auf und ich gehe jetzt täglich um 12.00 Uhr zu ihm. Weinen kann, wenn richtig angewendet, vieles Lösen. Ja, ihr habt richtig gelesen – Frau kann falsch weinen. Als ich an diesem Tag zum Dhamma Talk gehe begrüsst uns Goenka mit den gleichen Worten wie immer „Day x is over, you have x more days left to work“. Als er dann aber anfügt, er sei stolz, dass wir diesen sehr schwierigen sechsten Tag gemeistert haben, kann ich es kaum glauben.

Am Abend des neunten Tages wird mir bewusst, dass Morgen noch die dritte Meditationsform gelernt wird und dann ist es so gut wie vorbei. Diese Meditation heisst Metta und sollte der Abschluss einer jeder Meditation  bilden. Während 10 Tagen haben wir uns einer tiefreichenden Operation am offenen Geist/ Verstand unterzogen und alte Geschwüre und Eiter entfernt. Nun aber ist es Zeit die Wunde zu verschliessen, damit wir wieder „in die normale Welt“ entlassen werden können. Diese Stunde verbringe ich in totaler Liebe und dem Gefühl ganz und verbunden zu sein.

Ausserhalb der Meditationshalle endet die Stille nun. Reihenweise indische Frauen beginnen zu quasseln, weinen und liegen sich gegenseitig in den Armen. Etwas abseits von der Gruppe stehe ich, bin glücklich, fassungslos und etwas einsam. Es ist ein eigenartiges Gefühl sich in dieser Gruppe plötzlich einsam zu fühlen, obwohl ich diese Empfindung schon vor Tagen hinter mir gelassen habe. Als sie mich abseits bemerken, kommen einige auf mich zu und wollen wissen, wie es mir geht und auch Antworten auf die anderen 100 Fragen, die sie mir in diesen 10 Tagen nicht stellen durften. Obwohl der Lehrer einmal eine solche Bemerkung gemacht hat, war mir nicht bewusst, wie sehr ich von vielen beobachtet wurde. Natürlich habe auch ich nicht immer meditiert und teilweise die Menschen vor mir beobachtet. Trotzdem ist es komisch. Die Stimmung unter den Frauen ist aber so ausgelassen, dass es nur anstecken kann.

Als wir dann endlich unsere Wertgegenstände zurückbekommen, will ich nur noch von meinem Freund und meiner Familie hören. Die Nachricht, dass mein Freund seinen Flug auf unbestimmte Zeit hinausschieben muss, hat nicht den gewohnten Effekt. Ich bleibe ruhig und freue mich darauf, dass er irgendwann kommen wird. Also war das Vipassana erfolgreich?

Fazit
Wie ihr vom Vorwort schon wisst, habe ich noch ein zweites Vipassana gemacht. Der Ort, die Lehrer und viele andere Faktoren werden wahrscheinlich keinen Kurs mit dem anderen vergleichbar machen. In meinen Fall war die Trennung von meinem Freund, eine Woche vor dem Beginn des zweitet Mals, sehr prägend.

Ich meditiere nicht täglich, auch wenn sie sagen, dass das unbedingt notwendig ist. Trotzdem ist das Gefühl der Verbundenheit bei jeder Meditation wunderschön. Wie nach Hause kommen, aber in das zu Hause in dir drin. Ich habe viel über mich und die Zusammenhänge im Leben erkennen dürfen und führe ein meist ausgeglichenes und glückliches Leben. Wie alles andere, ist auch so ein Vipassana nicht für jedermann und trotzdem würde ich es jedem von Herzen empfehlen. Die Tatsache, dass es keine organisierte Religion ist und doch so viel Glaube schenkt, Gaube an dich selbst, hat mich überzeugt. Du wirst aufgefordert, alles zu hinterfragen und nur zu glauben, was du selber erleben kannst. Selbstverantwortung, Neugier, Gelassenheit, Gleichmut, Liebe, Aufmerksamkeit – all das sind Eigenschaften, die mir wichtig sind und hier gefördert werden.

Mit den Abschlussworten von Goenka:

May all beings be happy! Mögen alle Wesen glücklich sein!

 

4 Kommentare zu “Vipassana – Die Kunst zu Leben

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